Begegnungen am gedeckten Tisch

Walid Bassal ist ein vornehmer Mann. Der Schnurrbart ist akkurat gestutzt, der dunkle Anzug sitzt tadellos. Er spricht ruhig und verbindlich. Der 47-jährige Deutsch-Libanese kam vor 26 Jahren nach Berlin, seit fünf Jahren betreibt er das Restaurant Assala im gutbürgerlichen Stadtteil Wilmersdorf. Auf der Speisekarte typische arabische Küche, libanesische Spezialitäten. Er legt Wert auf Niveau. Beim Essen und der Einrichtung. Die einfachen Holztische sind eingedeckt mit weißen Tellern und Stoffservietten. Heute erstrahlt das Assala in besonders warmem Licht. „Speisen für Waisen“ steht auf den orangefarbenen Windlichtern, ein Faltblatt auf jedem Tisch macht deutlich: Dies ist kein Abend wie jeder andere.

 

Bassal macht mit bei „Speisen für Waisen“. Bei der Spendenaktion der Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland laden Muslime überall in der Republik Familie, Freunde oder Bekannte zum Essen ein, um Spenden für Waisenkinder zu sammeln. Es ist die erste bundesweite Aktion dieser Art einer muslimischen Hilfsorganisation. Zum Anlass nimmt sie den Geburtstag des Propheten Muhammad, der selbst ein Waisenkind war. Der Termin soll sich fest im Kalender etablieren – auch über den privaten Rahmen hinaus. Schon jetzt beteiligen sich zahlreiche Restaurants, Imbisse und Bäckereien mit besonderen Angeboten. Walid Bassal zum Beispiel sorgt eine Woche lang für feierliche Stimmung, er sammelt Geld in seinem Lokal und legt jeder Außerhauslieferung einen Spendenflyer bei.

 

Als Bassal von der Aktion hörte, sei er sofort begeistert gewesen, erzählt er und schenkt Kaffee aus einer traditionellen Goldkanne in kleine Tassen. Anderen Menschen, egal welcher Religion, zu helfen, ist für den praktizierenden Muslim ein wichtiger Glaubensgrundsatz. Kritisch beobachte er, dass sich viele Muslime zurückzögen und unter sich blieben: „Es ist wichtig, sich wieder zu öffnen und das Gute im Islam nach außen zu tragen.“ Raus aus der muslimischen Nische, mitten hinein ins deutsche Leben, so Bassal. In seinem Lokal kommen Menschen unterschiedlicher Religion und Herkunft zusammen. Arabische Botschaftsmitarbeiter gehören genauso zu seinen Stammgästen wie viele Berliner Nachbarn. Die Aktion bringt die Menschen ins Gespräch; Bassal bietet dafür Raum und Anlass.

 

Die Tür öffnet sich. Mit der Kälte strömen neue Gäste ins Lokal. Sie wärmen sich die Hände, blättern in der Speisekarte, entdecken die Dekoration, lesen das Faltblatt, reichen es weiter. Bassal nimmt die Bestellung auf und spricht länger als sonst mit ihnen. Die Gäste fragen nach – er erklärt, worum es geht. Und am Ende wird gespendet. Zumindest das Trinkgeld wandert in die Spendendose, meistens aber mehr. „Ob Muslim oder nicht, es gibt eigentlich keinen Unterschied bei den Reaktionen der Gäste. Dass es darum geht, Kindern zu helfen, verbindet die Menschen.“

 

„Menschlichkeit“, antwortet auch Abdel Fattah El-Said in Neukölln auf die Frage, was ihn motiviere, bei der Aktion mitzumachen. „Es gibt so viel Armut und Leid. Jeder Mensch, der ein Herz hat, sollte anderen helfen.“ Er sagt es ohne Zögern und Pathos, während er den Wetterbericht im Fernsehen verfolgt. Al Jazeera meldet 17, 20, 22 Grad. El-Said zuckt die Schultern. Im eisigen Berlin kommen heute nur wenige Gäste in sein sonst gut besuchtes Restaurant. Seit mehr als 20 Jahren verspricht El-Said hier, in seinem Restaurant „Amira“, „ein Stück Ägypten in Neukölln“. Nicht nur kulinarisch hält er Wort: Schwarz, rot, weiß die Tischdecken und langen Stoffbahnen an Wand und Decke, Bilder von Tutanchamun und Nofrete.

 

El-Said ist ein umtriebiger Geschäftsmann und engagierter Muslim. „Chef“ steht auf seiner Kochmütze, auf seinem T-Shirt „I love Dar Assalam“. Dar Assalam, „Stadt des Friedens“, ist der Name der Moschee, in der El-Said Gebetsrufer ist. Seit langem ist er in der Begegnungsstätte in der Flughafenstraße aktiv. Dort wurde er auf „Speisen für Waisen“ aufmerksam. Vier Wochen lang wird er nun für die Unterstützung von Waisenkindern werben. Möglichst viele Gäste sollen spenden, hofft er, und mit möglichst vielen möchte er ins Gespräch kommen. „Miteinander friedlich leben, egal welcher Religion man angehört, ob Christen, Juden, Hindus oder Muslime, das macht für mich den Islam aus. Mit der Aktion können wir das den Leuten nicht nur sagen, sondern auch zeigen.“

 

Seine Kundschaft ist so bunt wie das Viertel selbst: Araber, Türken, Polen, Bosnier, Deutsche, immer mehr auch die kosmopolitische Avantgarde, die in dem einstigen Arbeiterbezirk eine kreative Spielwiese gefunden hat. So wie Claire und Adam. Ins Amira kommen sie gelegentlich, von der Aktion hören sie heute zum ersten Mal. „Es gibt hier ein Nebeneinander von jungen Menschen und Alteingesessenen. Beim Brötchenkaufen oder beim Essen begegnet man sich schon, aber wirklich kennen lernt man sich nicht.“ Mit seiner offenherzigen Art macht es El-Said ihnen leicht. Nach dem Essen stecken auch sie das Trinkgeld in die Spendendose, mitnehmen werden sie sehr viel mehr.

 

Walid Bassal im noblen Wilmersdorf, Abdel Fattah El-Said im Schmelztiegel Neukölln – für beide ist Wohltätigkeit Glaubensgrundsatz und Herzensangelegenheit. Beide wünschen sich, dass möglichst viele Menschen, ob Muslime oder nicht, von der Aktion erfahren und selbst ein Spendenessen zugunsten von Waisen ausrichten.

 

Noch bis zum 23. Februar 2013 wird in der ganzen Republik für den guten Zweck gegessen. Wer bei der Aktion „Speisen für Waisen“ mitmachen möchte, kann sich anmelden unter

www.speisen-fuer-waisen.de.

Tags:
Speisen für Waisen
Datum:
Mittwoch, 6. Februar 2013, 00:03 Uhr
Rivva:
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