Cruisergewichtler Enad Licina im Porträt

Vom Straßenjungen zum Welt-meister? Die Geschichte von Enad Licina (24 Profikämpfe; 21 Siege, davon 11 durch K.o.) könnte genauso enden. Doch erst einmal geht es jetzt für den 32-Jährigen darum, Europameister zu werden. Und das wird alles andere als leicht. Denn am 4. Februar bekommt es der Cruisergewichtler vom Sauerland-Team im Kampf um den derzeit vakanten EM-Titel mit dem früheren Militär- und Amateur-Weltmeister Alexander Alekseev (Hamburg) zu tun. Gewinnt Licina den Fight in der Fraport Arena, dann stehen ihm alle Türen offen. Eine Niederlage würde ihn hingegen weit zurückwerfen.

Enad Licina wurde am 14. November 1979 im heutigen Serbien geboren. Seine Eltern trennten sich früh. Die Mutter war schwer krank, so dass er bei seiner Oma aufwuchs. „Ich war früher ein schwieriges Kind, hatte daher wenig Kontakt zu meinen Eltern“, erzählt er. Der heutige Boxprofi brach die Schule bereits in der sechsten Klasse ab und absolvierte bis heute keine Ausbildung. Als er 13 war, starb seine Großmuter und er lebte allein in ihrer Wohnung weiter. Er hielt sich deshalb oft mit seinen Kumpels in einem nahe gelegenen Park und auf der Straße auf. Dort wurde viel geboxt, die Sportart faszinierte ihn.

Mit 14 Jahren hatte es Licina endgültig gepackt. Mit 15 zog es ihn in einen Box-Verein. Später kämpfte er sogar in der montenegrinischen Nationalmannschaft. Schon damals war sein Talent riesig. Nachdem er den dritten Platz bei der Junioren-EM in Birmingham erkämpft hatte, floh er während des Kosovo-Krieges nach Deutschland. Wenig später, er hatte gerade seinen 19. Geburtstag gefeiert, kam er nach Frankfurt. „Mein Leben war mir nicht viel wert in der Zeit, so ziemlich alles war mir egal. Ich war damals in der Unterschicht angekommen. Ich konnte schlecht Fuß fassen in Deutschland, auch weil ich kaum zur Schule gegangen war", erinnert er sich.

„Doch in Frankfurt traf ich beim Joggen am Main einen Bekannten aus früheren Zeiten. Er gab mir erst einmal die Möglichkeit, bei ihm zu wohnen. Und dann brachte mich das Boxen zurück auf den richtigen Weg.“ Für den dreimaligen Deutschen Meister CSC Frankfurt boxte Enad Licina später in der Bundes- und in der 2. Liga. „Frankfurt ist meine Lieblingsstadt. Hier leben viele Freunde“, sagt Licina. „Obwohl ich inzwischen in Berlin trainiere, fühle ich mich hier immer noch heimisch. Als ich damals als junger Mann in die Stadt kam, wurde ich mit offenen Armen empfangen. Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt. Man hat mich in Frankfurt so genommen, wie ich bin - mit Ecken und Kanten. Darum ist es umso schöner, hier um die Europameisterschaft zu boxen. Für mich ist das ein Heimspiel.“

Licina ist selbstkritischer geworden, hat gelernt, sich einzuschätzen. „Es gab Zeiten, in denen ich sehr undiszipliniert und unzuverlässig war. Ich war es nicht gewohnt, mich auf andere Leute zu verlassen und genauso hatte ich nie Pflichten. Es war neu für mich, dass sich jemand auf mich verlässt und mir die Menschen vertrauen. Doch ich habe daran gearbeitet und besonders das Boxen hat mir geholfen, meinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Ich bin sehr froh darüber, dass man mir diese Chance gegeben hat.“

Nach 120 Amateurkämpfen, davon gewann er 115, wechselte er schließlich ins Profilager. Hier trat er zunächst für den Hamburger Box-Stall Spotlight Boxing an. Später wurde er vom Sauerland-Team als Sparringpartner für Arthur Abraham und Henry Maske - der „Gentleman“ stieg im März 2007 in München zu einem einmaligen Comeback-Fight gegen Virgil Hill in den Ring - engagiert. Vor allem Maske-Coach Manfred Wolke war so begeistert, dass Licina danach einen Vertrag beim Sauerland-Team unterschrieb und zunächst in Frankfurt (Oder) trainierte.

Nach zwölf Siegen in Folge und dem Gewinn der IBF-Intercontinental Meisterschaft hagelte es am 14. Oktober 2009 im Stallduell gegen Yoan Pablo Hernandez die zweite Niederlage seiner Profilaufbahn. Zunächst sah es so aus, als wenn Licina seine Karriere danach beenden würde. Doch nur wenig später holte man ihn ins Sauerland-Team zurück. Hier wird der Cruisergewichtler inzwischen im Berliner Gym in der Dessauer Straße von Karsten Röwer trainiert. Licina freut sich über diese Entwicklung und vor allem über seinen neuen Coach. „Manfred Wolke war ein großartiger Trainer, ich habe viel Respekt vor ihm. Doch der Wechsel zu Karsten Röwer tat mir gut“, sagt er rückblickend.

Im Jahr 2010 stand Licina auch außerhalb des Boxrings im Rampenlicht. Er spielte im Kinofilm „Max Schmeling - eine deutsche Legende“ die Rolle von Jack Sharkey, der bei der Weltmeisterschaft am 12. Juni 1930 nach einem regelwidrigen Tiefschlag disqualifiziert wurde und somit Schmeling zum Titelgewinn verhalf. „Ich kann mich vom Boxstil her gut mit Jack Sharkey identifizieren, da er auch ein wilder Kämpfer war. Er war sehr ehrgeizig, hatte damals den gleichen Drang, unbedingt zu gewinnen - wie ich heute“, so Licina. Im Jahr 1932 gelang dem Amerikaner dann auch die Eroberung des WM-Gürtels. Das ist auch das Ziel, das sich Licina gesetzt hat.

„Der Weg dazu führt über Frankfurt. Nur wenn ich Alexander Alekseev besiege und Europameister werde, kann ich von einer zweiten WM-Chance [Licina boxte im Februar 2011 gegen Steve Cunningham um die IBF-Weltmeisterschaft und unterlag nach Punkten, Anm. d. Red.] träumen“, weiß Licina. Um den Karriereweg vom „Straßenjungen“ zum Weltmeister wirklich zu gehen, muss also erst einmal der EM-Gürtel her. „Deshalb ist das am 4. Februar der wichtigste Kampf meines Lebens“, so der 32-Jährige. Er ist sich aber sicher: „Wenn das Publikum in Frankfurt wie eine Wand hinter mir steht, dann werde ich Europameister werden.“

Eintrittskarten für die Veranstaltung am 4. Februar in Frankfurt sind über die telefonische Ticket-Hotline 01805-570044 (€ 0,14/min., Mobilfunkpreise max. € 0,42/min.) und im Internet bei www.boxen.com und www.eventim.de erhältlich.

Enad Licina

Tags:
boxen, Enad Licina, sport
Datum:
Montag, 23. Januar 2012, 02:59 Uhr
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